Die Vorgeschichte: Ein einfacher Justizakt

Man kann religiöse Glaubensdinge von vielen Seiten aus betrachten. Interessant ist dabei, dass die objektivsten und analytischsten Sichtweisen stets von Personen kommen, die selbst außerhalb der zu betrachtenden Religion stehen. Genau so ist es in China mit dem christlichen Glauben.

Mit Pfingsten ist es dabei eine ganz spezielle Sache. Es gilt bei informierten Außenstehenden als das absolute "Power-Event" der christlichen Kirche. Und doch wissen selbst viele Anhänger der christlichen Religion nicht exakt, warum es überhaupt gefeiert wird.

Die Topzeitung.com wagt deshalb die Übersetzung und das Veröffentlichen eines Beitrags aus einem chinesischen Magazin. Dies natürlich unter Hinzuziehung von Fachleuten. Es ist dabei besonders faszinierend, den Blick von nichtwestlichen, im Prinzip kulturfremden Menschen zu erhalten.

Pfingsten - das echte "Power-Event" der Christen, ganz am Ende der bekannten Ereignisse

Um den Kontext zu verstehen und einordnen zu können, müssen wir jedoch ein wenig ausholen.

Es beginnt alles mit einem Justizakt, der in der Antike absolut nichts Sensationelles an sich hatte.

Jerusalem, vor mehr als 2.000 Jahren: Ein Mann namens Jesus Christus wird wegen massiver Unruhestiftung hingerichtet. Die Methode? Die Kreuzigung. Das war damals keine exklusive oder heroische Strafe, sondern die standardisierte Todesstrafe des Römischen Reiches. Speziell für Sklaven, Aufmüpfige und vermeintliche Schwerverbrecher. Sie war auf maximale Demütigung ausgelegt. Für die römische Obrigkeit der unbedeutenden Provinzverwaltung war dieser Fall damit erledigt.

Römischer Hunrichtungsplatz

Eine ärgerliche Sache, die bei der normalen Bevölkerung und der örtlichen Geistlichkeit für ein wenig Verwirrung gesorgt hatte, war damit für die Römer abgeschlossen.

Das emotionale Chaos nach der Hinrichtung

Was danach passierte, war eigentlich nur noch für die wenigen übrig gebliebenen Anhänger dieses hingerichteten Mannes überhaupt von Interesse.

Der weitere Verlauf der Geschehnisse wird dabei in der von Christen geschriebenen Bibel oft als kontinuierliche, harmonische Erfolgsgeschichte dargestellt. Doch wer die Quellen genauer liest, stößt auf ein gigantisches, emotionales Chaos.

Die Sache mit der vermeintlichen Auferstehung von den Toten, die Jesus Christus für den dritten Tag nach seiner Hinrichtung angekündigt hatte, wurde mit sehr grosser Skepsis betrachtet. Es lief keineswegs so glasklar und beweisbar ab, wie mache es heutzutage glauben machen. Selbst in der Bibel gibt es deshalb vier verschiedene ausführliche Berichte darüber, die sich in zentralen Details massiv widersprechen.

Es sind die Biografien (sog. Evangelien) über das Leben von Jesus Christus, von vier verschiedenen Autoren. Und deren Schlusskapitel, wo die Auferstehung von den Toten natürlich dazu gehört, unterscheiden sich dabei deutlich. Darüber kann jeder christliche Geistliche Auskunft geben.

Die Bibel selbst berichtet über die Zeit nach der Kreuzigung (Apostelgeschichte). Es herrschte in den folgenden Tagen nach der Hinrichtung von Jesus Christus absolute Angst, Verzweiflung und Verwirrung in den Reihen seiner Bewegung. Und es gab immense Zweifler.

Verzeiflung bei den ersten Christen

Die Frauen berichten, die Männer zweifeln

War dies das Ende ihrer Gemeinschaft? Was, wenn keine "Auferstehung von den Toten" erfolgen würde? Als erstes waren es die Frauen, die vom leeren Grab und einer angeblichen Auferstehung berichteten. Doch die Reaktion der männlichen Anhänger (Jünger) war vernichtend: Sie glaubten ihnen kein Wort und taten die Nachricht schlicht als hysterisches „Frauen-Geschwätz" ab.

Und selbst als ihr auferstandener Anführer danach einigen von ihnen erschienen sein soll, war die Sache hochgradig dubios. Er war irgendwie nicht klar identifizierbar, fast so, als hätte er ein völlig anderes Aussehen.

Die Bibel berichtet eine faszinierende Episode von Jüngern, die eine stundenlange Wegstrecke mit einem scheinbar "Fremden" gingen, sich mit ihm unterhielten, ihn aber schlichtweg nicht erkannten.

Erst viel später, am Abend beim gemeinsamen Essen, fiel es ihnen sprichwörtlich "wie Schuppen von den Augen".

Die zerrüttete Truppe

Man muss diese zahlreichen Geschichten und Anekdoten heute nicht alle biologisch oder historisch sezieren – das zu ergründen, ist nicht unsere Aufgabe, das bleibt am Ende eine Sache des persönlichen Glaubens.

Was diese widersprüchlichen Geschichten aber unmissverständlich zeigen: Die Truppe der ersten Christen war intern völlig zerrüttet, orientierungslos und voller Misstrauen.

Ohne ihren charismatischen Anführer war diese sogenannte „Sekte" eine winzige, unbedeutende jüdische Splittergruppe am Rande des Römischen Imperiums – im Prinzip schon komplett zerstört.

Die totale Lähmung im Hinterzimmer

Die Erklärung dieser Vorgeschichte ist deshalb nötig, um den fundamentalen Einfluss der Pfingst-Geschehnisse richtig einordnen zu können.

Denn genau hier setzt das eigentliche Drama an. Wir finden die Überreste dieser Bewegung in einem verbarrikadierten Hinterzimmer in Jerusalem wieder.

Die offizielle „Anwesenheitsliste" der Bibel nennt die elf verbliebenen Kern-Apostel wie Petrus, Johannes oder den chronischen Zweifler Thomas. Dazu kam der kurzfristig nachnominierte Matthias (damit es wieder zwölf waren, denn einer hatte zwischenzeitlich Selbstmord begangen). Ebenfalls die Frauen um Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder – insgesamt ein eingeschworener Leitungskreis, der noch ca. 120 weiteren traumatisierten Anhängern vorstand.

Die Stimmung im Raum

Die Stimmung im Raum? Irgendwo wohl zwischen akutem Schock, Paranoia und tiefer Depression. Sie saßen mitten in der Höhle des Löwen. Draußen auf den Straßen patrouillieren die Soldaten, die ihren Chef ans Kreuz genagelt hatten. Die Stimmung in der Bevölkerung war feindselig bis spöttisch.

Ein falsches Wort, und sie wären die Nächsten gewesen. Einziges Ziel im Raum: Bloß nicht auffallen. Überleben.

Der absurde Befehl

Und ausgerechnet auf dieser paralysierten Truppe lastete ein absurder Befehl, den ihr Anführer ihnen vor seinem Verschwinden (Himmelfahrt?) hinterlassen hatte: „Geht hinaus in die ganze Welt und erzählt allen, was hier passiert ist."

Aus strategischer Sicht war das ein schlechter Witz. Wer saß denn da? Keine gebildeten Intellektuellen oder Diplomaten. Die Meisten waren einfache Handwerker, Tagelöhner und Fischer aus der Provinz Galiläa.

Menschen, die einen rauen, lokalen Dialekt sprachen. Sie hatten kein Geld, keine Ideen und vor allem: absolut keine Sprachkenntnisse.

Das Römische Reich war zu dieser Zeit ein gigantischer, multikultureller Schmelztiegel. In Jerusalem wimmelte es von Menschen aus aller Herren Länder, die völlig unterschiedliche Sprachen sprachen. Wie sollten diese verängstigten Provinzler eine globale Botschaft unters Volk bringen, wenn sie kaum ein unfallfreies Hochgriechisch oder Latein herausbrachten? Sie waren komplett isoliert. Sprachlos. Hilflos.

Ohne ein massives Wunder wäre diese Bewegung (unter Leitung der 12 Apostel) genau an diesem Tag im Treibsand der Geschichte untergegangen.

Das radikale „Brain Update"

Und dann kommt der Tag, den wir heute Pfingsten nennen. Es passierte, so berichtet die Bibel, ein quasi geistiger Systemwechsel im geschlossenen Raum.

Sie erfahren ein neues bewusstsein

Die "Apostelgeschichte" in der Bibel beschreibt diesen Moment der totalen Transformation mit Worten, die es als reines Wunder sahen. Von einer körperlosen Wesenheit, einem mächtigen heiligen Geist, der tief in das Bewusstsein der Menschen eindrang und sie geistig neu formte. Eine Sache wie man sie heutzutage aus Science-Fiction Geschichten kennt.

Der Originaltext in der Bibel lautet:

„Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und sie setzten sich auf einen jeden von ihnen." (Apostelgeschichte 2, 2-3)

Die mögliche "Realität" hinter den Wunderberichten

Christliche Maler späterer Jahrhunderte haben daraus eindrückliche Bilder mit braven Menschen und echten Flammen über den Köpfen gemacht. Sie nannten das Feuer eine Manifestation des Heiligen Geistes.

Sie erfahren ein neues bewusstsein

In der Realität, wenn diese Geschichte wirklich wahr ist, war dies wohl eine brachiale, markerschütternde Erfahrung. Die absolute Reizüberflutung.

Ein „Brausen wie ein gewaltiger Wind" – ob real oder nur in den Köpfen der Protagonisten, bleibt ungeklärt.

Die Feuerzungen

Und die berühmten „Feuerzungen"?

Ob da wirklich echtes Feuer durchs Zimmer flog, oder ob es den Jüngern in diesem Moment einfach durch nervliche Überreizung vor den Augen blitzte, wissen wir nicht. Alles ist Spekulation. Aber psychologisch stellt diese Geschichte, sollte sie nicht gänzlich erfunden sein, wohl eine unumkehrbare „Brain Infusion" dar.

Es war kein sanftes Einflüstern, es war, wenn es denn wahr ist, das radikalste "Gruppen Brain Update" der Menschheitsgeschichte.

Die geistigen Festplatten in den Köpfen dieser verängstigten Menschen wurden einmal komplett formatiert und neu beschrieben.

Wo Sekunden vorher noch lähmende Angst und das Gefühl der absoluten Inkompetenz herrschten, war plötzlich ein Datenstrom aus Mut, Eloquenz und weltgewandtem Wissen verfügbar.

Der globale Rollout

Sie hielten es nicht mehr im Haus aus. Sie rissen die verrammelten Türen auf, stürmten nach draußen, mitten unter die Menschenmassen auf den Marktplatz.

Und dann zeigte sich die Wirkung des Updates im Live-Betrieb. Sie redeten. Aber sie stammelten nicht mehr. Sie sprachen plötzlich die Sprachen der Welt.

Die Pilger aus Rom, Arabien oder Nordafrika blieben schockiert stehen, rieben sich die Augen und sagten: „Das sind doch einfache Leute von hier, warum hören wir sie nun in unserer eigenen Muttersprache reden?"

Es war das erste universelle Übersetzungstool der Weltgeschichte – direkt implantiert in die Köpfe von einfachen, teilweise völlig ungebildeten Menschen. Doch mit den Sprachen kam das Charisma, der Mut und die absolute rhetorische Wucht.

Sie erfahren ein neues bewusstsein

Sie trafen die Menschen mitten ins Herz, weil sie sie in ihrer eigenen Realität abholten. An diesem und den nächsten Tagen schlossen sich der Bewegung, so berichtet die Bibel, dreitausend Menschen an.

Der Bann war gebrochen.

Der Aufstieg eines globalen Giganten hatte begonnen.

Pfingsten: Die eigentliche Geburtsstunde der Kirche

Weihnachten feiert die Geburt Jesu. Ostern feiert die Auferstehung. Aber Pfingsten ist die eigentliche Geburtsstunde der christlichen Kirche.

Es ist der Tag des „Global Rollout".

Wenn man heute auf die Landkarte blickt, sieht man das Resultat dieses Tages: Aus der verängstigten Hinterzimmer-Sekte ist die größte religiöse Organisation der Erde geworden. Eine weltumspannende Struktur mit über zwei Milliarden Anhängern, die jahrhundertelang Imperien überlebte, Kriege führte, ganze Kulturen formte und die Zeitrechnung der gesamten Menschheit bestimmt hat.

Allein die Tatsache, dass dieses Projekt nicht in diesem Jerusalemer Hinterzimmer jämmerlich krepiert ist, grenzt an ein historisches Wunder.

Die moderne Botschaft

Pfingsten zeigt in einer radikalen Modernität:

Eine Sache oder Idee kann noch so mächtig sein, wenn du nicht den Mut hast, die Türen aufzureißen, wenn du nicht die Sprache der Menschen sprichst und die Barrieren in den Köpfen einreißt, bleibt das größte Potenzial wirkungslos im Hinterzimmer sitzen.

Erst das kommunikative Update macht die Vision skalierbar.

Artikel verfasst mit der freundlichen Unterstützung zahlreicher christlicher Kirchenleute in China.

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