Das Ende der mechanischen Illusion: Warum Ferrari kein Auto mehr baut, sondern ein kybernetisches System
Es ist ein bezeichnendes Schauspiel. Wenn ein Hersteller wie Ferrari ein neues Modell präsentiert, begibt sich die internationale Fachpresse in einen Zustand kollektiver ästhetischer Trance. Man überbietet sich in Adjektiven über die Linienführung, analysiert den „emotionalen Ausdruck“ des Kühlergrills und verliert sich in den Nuancen des Innenraums.
Es ist ein Journalismus, der sich längst von der Substanz verabschiedet hat und nur noch als verlängerter Arm der PR-Abteilungen fungiert. Doch während diese „Experten“ noch über die Eleganz der Spoiler streiten, geht das eigentliche Ereignis im Rauschen der Begeisterung, oder wie in diesem Fall in kollektiver Ablehnung unter: Nämlich die totale technologische Transformation des Ferrari vom mechanischen Sportgerät zum kybernetischen Intelligenz-System.
Die Kapitulation vor der Komplexität
Wir müssen mit einer unbequemen Wahrheit beginnen: Die Branche, und mit ihr die gesamte Riege der bekannten Automobil-Journalisten, hat wohl das bahnbrechende neue Antriebskonzept des Ferrari-E-Modells nicht ganz verstanden. Und schlimmer noch: Sie haben es bei der Präsentation nicht einmal bemerkt, weshalb auch keine Fragen kamen. Wir sprechen hier von einem KI unterstützten 4 Motoren System mit einer individuellen elektronischen Torque-Vectoring Steuerung für jedes Rad.
Ferrari ist der Erste, der diese Hochtechnologie zum einigermassen noch akzeptablen Preis auf den Markt bringt. So kostet das Fahrzeug in der Grundausstattung gerade einmal 550.000 Euro. Momentan gibt es weltweit lediglich 4 Mitbewerber (Fahrzeuge) die einigermassen technisch Gleichwertiges bieten. Die Preise starten hierbei jedoch jenseits der 2 Millionn Grenze. Und bekannte Marken wie Bugatti und Lamborghini sind nicht dabei.
Die Komkurrenz: Vierfach teurer bei ähnlicher Technik
Fahrzeuge mit echter individueller Vier-Motoren-Steuerung, ausgelegt für Agilität und Hochgechwindigkeit wie der Luce, sind extrem selten. Sie liegen sonst wegen ihrer Komplexität preislich in einer ganz anderen Liga:
Rimac Nevera / Nevera R: Vier unabhängige Elektromotoren (einer pro Rad), über 1.900 PS. Preis: ab ca. 2,0 – 2,5 Millionen Euro (je nach Ausstattung)
Lotus Evija: Ebenfalls vier Elektromotoren mit vollem Torque Vectoring. Preis: ca. 2,2 – 2,4 Millionen Euro.
Andere vergleichbare Hypercars (z. B. Pininfarina Battista auf Rimac-Basis) bewegen sich ebenfalls im Zwei-Millionen-Bereich. Der Ferrari Luce ist damit das bei weitem günstigste Fahrzeug, das diese hochentwickelte Technologie für extremste Fahrleistungen bietet
Warum dies mit Formel-1-Technik nichts zu tun hat
Ferrari weist immer wieder gern auf seine Formel 1 Rennsporterfahrung hin. Auch in der Präsentation des Luce wurde darauf zurückgegriffen. Wahr ist jedoch, das Ferrari mit der komplexen direkten 4-Rad Motorentechnik überhaupt keine Erfahrung hat. Lediglich beim Serienmodell Ferrari SF90 (aus 2019) sassen 2 Elektromotoren zusätzlich zur Unterstützung des V8 Verbrenners an der Vorderachse. Also eine im Vergleich sehr niederschwellige Komplexität.
Wo Ferrari hingegen Erfahrung hat, ist das sog. MGU-K (Motor Generator Unit – Kinetic). Es rekuperiert Bremsenergie und liefert zeitweise zusätzlichen Boost über die Motor-Getriebeeinheit. Dies hat jedoch mit der hochentwickelten Technologie des Luce absolut nichts zu tun.
Dies ist auch der Grund warum internationale Technik-Beobachter (vor allem aus China) anzweifeln, dass der neue Luce überhaupt ein echter Ferrari ist. Sie möchten deshalb so schnell wie möglich ein Exemplar zur Begutachtung erhalten. So vermuten viele dahinter das nun fertiggestelle, revolutionäre Apple Car (Projekt Titan). Dieses wurde von Apple im Jahr 2024 wegen zu großer Komplexität aufgegeben. Wir berichten ausführlich in unserem 1. Teil darüber.
In der Formel 1 sind zudem Systeme wie beim Luce, aber auch individuelle Antriebe an den Vorderrädern, aus Reglement-Gründen verboten. Zu unfair wäre wegen der großen Überlegenheit die Teilnahme. Die F1-Autos bleiben reine Hecktriebler – der Fokus liegt dort auf puristischer Fahrerherausforderung und natürlich auch Kostenbegrenzung. Dies um finanziell schwächere Teams nicht noch mehr zu benachteiligen.
Das Schweigen der Fachjournalisten
Der Grund für das Schweigen dieser "Fachjournalisten" ist so simpel wie entlarvend. Wer noch größtenteils in der Welt alter stinkender und lauter Benzinmotoren, sowie einer vergangenen Ästhetik gefangen ist, dessen Horizont endet dort, wo die Mathematik, IT unsd KI beginnt. Ein Fahrzeug, das durch vier separate Elektromotoren angetrieben wird, die jeweils über eine minimale Achse direkt auf das Rad wirken, es jedoch keine durchgängige Achse mehr gibt, ist kein „Auto“ mehr im klassischen Sinn. Es ist ein instabiles physikalisches System, das ohne hochkomplexe Elektonik und KI-Steuerung keinen Meter geradeaus fahren könnte.
Die Unfahrbarkeit als Design-Prinzip
Lassen Sie uns den Mythos der „Fahrer-Souveränität“ dekonstruieren. In einem traditionellen Sportwagen ist der Fahrer durch mehr oder weniger Mechanik mit der Dynamik verbunden. Hier hingegen ist der Fahrer nur noch ein „Absichtserklärer“. Er gibt via Lenkrad und Gaspedal vor, wohin die Reise gehen soll – doch die Entscheidung, wie viel Drehmoment welches Rad zu welcher Millisekunde erhält, trifft ein Algorithmus.
Dieses Fahrzeug ist im Kern eine „Architektur der Unfahrbarkeit“. Ohne die permanente Berechnung von Gierraten, Schlupf und Traktion durch eine KI für jedes einzelne Rad, würde dieses Fahrzeug bei der kleinsten Beschleunigung in eine unkontrollierbare Rotation verfallen. Die KI berechnet jedoch anhand ihrer "Erfahrung" die jeweils beste Beschleunigung oder Verzögerung separat für jeden Motor und kann dadurch das Fahrzeug optimal stabilisieren. Auf eine Weise, wie es selbst der beste Rennfahrer nicht könnte. Sie unterbindet dabei auch, dass unkontrollierte Fahrsituationen überhaupt erst auftreten, kann das Fahrzeug aber auf Wunsch auch sicher "driften", ohne jemals die Kontrolle zu verlieren.
Die Fachpresse nennt das lediglich „agil“. Die Ingenieure nennen es „kybernetische Stabilität“. Dass Ferrari dieses Konzept bei der Präsentation kaum technisch vertieft hat, ist kein Zufall. Es weicht in seiner Komplexität weit von der dagegen primitiven Steuerungstechnik der Formel 1 ab. Es wäre das Eingeständnis, dass diese Systemarchitektur weit über das herkömmliche Portfolio des Unternehmens hinausgeht.
Das Gesetz der exponentiellen Last
Was die Fachpresse zudem völlig ignoriert: Die erforderliche Rechengeschwindigkeit des Systems nimmt bei höheren Geschwindigkeiten nicht linear, sondern exponentiell zu.
Warum? Weil die Zeitspanne, in der das System auf eine Instabilität reagieren muss, bei Tempo 100 noch in Millisekunden gemessen werden kann. Bei 300 km/h bewegt sich das Fahrzeug jedoch pro Millisekunde bereits über 8 Zentimeter weiter. Um also in einer Kurve bei Höchstgeschwindigkeit die gleiche Stabilität wie bei Stadtfahrt zu gewährleisten, müssen dessen Hochleistungs-Prozessoren nicht nur präziser, sondern auch in einer radikal verkürzten Zykluszeit arbeiten.
Bei 300 km/h verwandelt sich das Fahrzeug in ein Echtzeit-Berechnungs-Monster. Dessen redundante Comouter-Rechenkerne arbeiten dann unter voller Belastung. Die KI muss permanent den ‚nächsten Zustand‘ der physikalischen Lage des Fahrzeugs vorhersagen, bevor er eintritt. Kommt es hier zu einer Latenz, einer minimalen Verzögerung in der Datenübertragung oder der Inverter-Schaltung, bricht die Stabilität des Systems sofort zusammen.
Dieser Ferrari ist bei Höchstgeschwindigkeit also kein mechanisches Fahrzeug mehr, sondern ein Prozessor, der unter einem gewaltigen, ständig wachsenden Datenstrom steht. Wer das lediglich als ‚sportliches Fahren‘ bezeichnet, hat die physikalische Realität der Datenverarbeitung nicht begriffen.
Vom Nutzfahrzeug zum Hochleistungs-Mythos
Es wäre eine journalistische Unterlassungssünde, zu verschweigen, dass das Konzept von vier unabhängigen Elektromotoren technisch nicht neu ist. Wir haben solche Architekturen bereits in chinesischen Luxus-SUVs und in schwerfälligen Geländefahrzeugen von Mercedes gesehen, dort wo die schiere Masse des Fahrzeugs durch ein hohes Drehmoment kompensiert werden muss.
Doch was nun auch Ferrari hier vollzogen hat, ist ein weiterer Versuch, dieses Konzept in die Welt der Super-Sportwagen unter Hochgewschwindigkeit zu zwingen. Ein Geländewagen nutzt vier Motoren, um sich bei geringem Tempo durch Matsch zu graben. Ein Ferrari-Modell muss dieselbe Architektur nutzen, um bei 300 km/h in einer Kurve nicht an der Leitplanke zu zerschellen. Der technologische Sprung liegt also nicht in der Idee der vier Motoren selbst, sondern in der Eskalation der unglaublichen Rechenleistung.
Die Hardware-Wahrheit: Jenseits des Radnaben-Mythos
Es kursieren in den Hinterzimmern der Branche und in den Kommentarspalten der digitalen Gazetten hartnäckige Gerüchte, dies sei eine Art „Radnaben-Konzept“, das es so schon ewig gibt. Es ist Zeit, diesen technischen Unsinn ein für alle Mal zu beenden.
Das Radnaben-Paradoxon
Ein Radnabenmotor – also ein in das Rad integrierter Antrieb – ist für einen Hochleistungssportwagen physikalisch unbrauchbar. Die Masse des Motors und seiner Gehäuseeinheit müsste jede Bodenwelle, jede Unebenheit und jede Schlaglochkante direkt mitmachen. Bei einem 300-km/h-Fahrzeug würde dies dazu führen, dass das Rad bei Bodenwellen den Kontakt zur Straße verliert. Das Rad „springt“; die Traktion ist verloren.
Das „kurze Achsen-System“ als mechanisches Meisterwerk
Was wir hier sehen, ist eine radikale Evolution: Die Motoren sind im Chassis montiert und gehören zur gefederten Masse. Die Kraftübertragung erfolgt über eine extrem kurze, hochfeste Gelenkwelle (CV-Joint). Dies ist ein technisches Meisterwerk, weil es Chassis-Stabilität mit direkter Vektor-Kontrolle vereint. Die Verbindung ist nahezu spielfrei und eliminiert die Trägheit klassischer Antriebswellen.
Warum die Presse nicht darüber schreibt
Die Fachjournalisten haben diese Unterscheidung nicht auf dem Schirm. Sie begreifen nicht, dass die Integration dieser Welle das eigentliche Geheimnis ist. Diese Verbindung ist unter extremster Last bei gleichzeitigem Einfederungsweg des Rades eine mechanische Hochleistungsschnittstelle. Dass Ferrari dies nicht als das neue Rückgrat des Wagens feiert, zeigt, dass sie die externe Provenienz dieser Architektur hinter einer Fassade aus „Rennsport-Tradition“ verbergen müssen.
Der Ferrari als kybernetisches Artefakt: Warum „Fahren“ nur noch ein Algorithmus ist
Wer den neuen E-Ferrari deshalb als „normalen E-Sportwagen“ bezeichnet, hat den technologischen Quantensprung nicht verstanden. Wir haben es hier mit einem kybernetischen Artefakt zu tun, dessen Essenz rein mathematischer Natur ist. Der Sinn des Ganzen liegt darin, dass dieses Fahrzeug auch in eventuell auftretenden Grenzbereichen, selbst für ungeübte Fahrer möglichst sicher bleibt.
Dies funktioniert, da die KI durch Kontrolle von Gas und Bremse, sowie der zugeteilten Kraft für jedes einzelne Rad, die Eingaben des Fahrers permanent auf Plausibilität und Sicherheit prüft, und gegebenenfalls dessen Steuerungsbefehle überschreibt.
Doch davon merkt der Benutzer nichts, auch weil Ferrari dies aus sportlichen Imagegründen so nicht kommuniziert. Für den Fahrer fühlt es sich an, wie ein unglaublich agiles und sportliches Fahrzeug und als hätte er stets alles selbst "im Griff". Genau das ist es was Ferrari erreichen möchte, die ausgelöste pure Emotion, dass echte unbeschreibliche "Ferrari Feeling".
Die 4-Kanal-Sinfonie der Inverter
Was der E-Ferrari leistet, ist eine 4-Kanal-Synchronisation in Echtzeit. Jedes Rad wird von einem eigenen Inverter-Kanal gesteuert, der tausendfach pro Sekunde moduliert. Während der Wagen durch eine Kurve rast, findet ein thermischer Krieg statt: Vier Inverter müssen gleichzeitig die physikalischen Fliehkräfte in elektrische Energie-Vektoren übersetzen. Würde die KI hier auch nur für eine Millisekunde aussetzen, wäre der Wagen bei 300 km/h unkontrollierbar.
Die Maske des Steer-by-Wire
Dass Ferrari zudem an einer mechanischen Lenkung festhält, ist die letzte Verbeugung vor einer nostalgischen Kundschaft. In Wahrheit lenkt das Auto (KI) jedoch über die Software deutlich mit, indem es die Drehmomentverteilung der vier Motoren nutzt, um den mechanischen Lenkwinkel zu unterstützen oder gar zu korrigieren. Die mechanische Zahnstange ist lediglich ein Zugeständnis an die psychologische Gewöhnung.
Im Video: Gespräch mit den Entwicklern des Ferrari Luce
Hier das aktuelle gemeinsame Gespräch mit den Entwicklern des Luce, der Apple Legende Jony Ive, sowie des Ferrari Design-Chefs Flavio Manzoni (auf Englisch).
Fazit: Die neue Souveränität
Dieser Ferrari ist natürlich eine „sinnlose Perfektion“. Er ist so komplex, dass er im Prinzip seine eigene Existenz durch Algorithmen beim Fahren verteidigen muss. Wer diesen Wagen kauft, kauft keinen normalen E-Sportwagen, sondern ein System, das die Grenze dessen, was wir bisher unter „Fahren“ verstanden haben, überschritten hat. Man könnte es in etwa mit dem Tourbillon einer mechanischen Armbanduhr vergleichem, die als die höchste Stufe der Uhrmacherkunst gilt. So eine Uhr kostet von einer bekannten Marke weit über 100.000 Euro. Sind deshalb die 550.000 Euro für den modernsten Ferrari nicht angemessen, wenn vergleichbare Fahrzeuge mehr als 2 Millionen Euro kosten?
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